„Wir nehmen unsere Verantwortung wahr.“

12.08.2019 PM Aktuelles

Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbands textil+mode, im NOZ-Interview über Nachhaltigkeit in der Textilbranche, Innovation und den Standort Deutschland.

 

Verbandspräsidentin Ingeborg Neumann

Nachhaltigkeit ist das große Thema der Zeit. Mode jedoch ist schnelllebig, die Taktzahl der Kollektionen steigt. Wie passt das zusammen?

Wenn Sie sich die Modeschauen in Berlin, Paris oder Mailand anschauen, begegnet Ihnen das Thema Nachhaltigkeit überall. Recycling und Kreislaufwirtschaft sind Trends. Es gibt auch bereits Unternehmen, die die Kleidung zum Upcycling zurücknehmen. Das ist jedoch ein Kostenfaktor, und damit Recyclen überhaupt möglich ist, müssen die Waren sortenrein sein - vom Knopf bis zum Nähgarn. Das bedeutet: Die gesamte Lieferkette muss sich darauf einstellen.

Ist der Verbraucher heute schon so nachhaltig unterwegs? Mehrkosten sind ein Aspekt, die Herkunft der Materialien ein anderer.

Die wenigsten Kunden fragen beim Kauf nach, woher die Materialien kommen. Und wenn Sie die Frage stellen, bekommen Sie in der Regel keine fachkundige Antwort. Hier gibt es auch beim Handel noch jede Menge Nachholbedarf, wenn es um Schulungen des Personals geht. Ich habe dennoch das Gefühl, dass der Verbraucher bewusster unterwegs ist. Nachhaltige Mode ist inzwischen ja auch chic.

Nachhaltige Mode muss nicht teuer sein. Inwieweit schaden Preise, wie sie die Discounter Kik oder Aldi anbieten, der Akzeptanz des Verbrauchers, für Nachhaltigkeit tiefer in die Tasche zu greifen?

In der Textilindustrie geht leider immer noch viel über den Preis. Es muss jedoch klar sein: Qualität, insbesondere, wenn sie die ganze Lieferkette einschließt, hat ihren Preis. Das muss uns bewusst sein: Genauso wie das Umsteuern gegen den Klimawandel ist auch die nachhaltige Lieferkette nicht umsonst zu haben. Das gilt auch für Recyclingkonzepte, dafür braucht es Investitionen in Technologie.

Kleinere Label haben ihre Strategie auf Nachhaltigkeit ausgerichtet und das seit Jahren. Nun entdeckt die Branche als Ganze das Potenzial. Wird das ein David gegen Goliath?

Nein, wenn kleine Label ihre Marke platzieren, haben sie gute Chancen. Mode ist so schnell, da ergibt sich für gut aufgestellte Unternehmen immer etwas. Und man sieht ja auch, dass Dinosaurier vom Markt verschwinden. Das ist eine ganz normale Entwicklung. Wenn wir uns nicht immer wieder am Kunden ausrichten, sind wir weg.

Das Entwicklungsministerium wird das neue Label "Grüner Knopf" vorstellen, durch das sowohl soziale als auch ökologische Standards festgeschrieben werden sollen. Eine gute Entwicklung?

Nein, dieses Label braucht es nicht. Zum einen haben wir bereits eine Vielzahl von Gütesiegeln, die ganz unterschiedliche Faktoren in der Lieferkette abdecken. Zum anderen sind wir als Industrie global aufgestellt und die Lieferketten sind komplex. Wie will ein Ministerium das alles bis ins kleinste Detail kontrollieren? Unsere Unternehmen arbeiten bereits heute nach den weltweit besten Umwelt- und Sozialstandards. Wir nehmen unsere Verantwortung wahr.

Kreiden Sie es der Politik an, dass man diese Bemühungen nicht sieht?

Das Bashing der deutschen Textilindustrie kann ich nicht nachvollziehen und es ist fehl am Platz. Sowohl im Inland als auch bei der Produktion im Ausland sind uns die Standards wichtig. Nachhaltigkeit ist für uns schon immer ein Thema. Im Textilbündnis arbeiten wir gemeinsam mit den NGOs, den Gewerkschaften, dem Handel und der Politik genau daran und haben schon wichtige Fortschritte erreicht. Ein solches Bündnis hatte es bisher nicht gegeben.

Entwicklungsminister Müller hält dagegen, dass beim Textilbündnis nur die Hälfte der Unternehmen mitmachen.

Das heißt aber nicht, dass sich die andere Hälfte nicht engagiert oder die Standards nicht leisten kann oder will. Viele haben einen eigenen Weg gewählt, der nicht schlechter sein muss. Unsere Unternehmen verbessern sich jedes Jahr auf freiwilliger Basis und stecken sich kontinuierlich höhere Ziele. Das ist der richtige Weg. Ein BMZ-Siegel braucht es nicht. Es braucht ein europaweites Textilbündnis.

Zwei Drittel der deutschen Textilindustrie produziert keine Bekleidung, sondern liefert in andere Anwendungsbereiche: Wohnen und Bauen, Autos, Medizin, den Umwelt- und Energiesektor. Welche Rolle können Textilien hier spielen?

Unsere Textilindustrie und unsere Forschung bieten jede Menge Antworten und Lösungen für mehr Nachhaltigkeit. Beispielsweise wenn es um Filter für saubere Luft oder das Klären von Abwässern geht. Textiler Leichtbau ist eine ressourcenschonende Alternative zu Beton und verringert unseren CO2-Footprint. Auch bei der Brennstoffzelle kommt Carbon zum Einsatz, ebenso wie bei der Elektromobilität. Hier wünsche ich mir noch mehr Innovation. Das heißt auch, dass nicht immer gleich ein Produkt dabei herauskommt. Aber wir müssen größer denken.

Kann die Modebranche von der Innovation der technischen Textilien noch was lernen?

Ja, das ganze Thema smart textiles findet man in der Mode noch nicht wieder. Aber auch von den Herstellungsprozessen kann Mode lernen. Momentan wird noch per Hand genäht. Aber wenn ein Roboter weiche Stoffe und genügend Datenpunkte verarbeiten kann, wird hier automatisiert. Dann werden auch die Textilfabriken ganz anders aussehen.

Ist das eine Chance für den Standort Deutschland?

Absolut, man muss sich nur mal die Speedfactory von Adidas anschauen. Das ist ein erster Leuchtturm und ist erst der Anfang: Digitalisierung gepaart mit 3D-Druck und zusätzlich noch Individualisierung. Man kann am Standort ab Losgröße 1 fertigen. Da wird die Reise hingehen.

Die EEG-Umlage belastet die Textilbranche als energieintensive Industrie stark. Ist eine Ablösung durch CO2-Steuer für Sie eine Lösung?

Da darf man nicht zu kurz springen. Es braucht hier ein Gesamtkonzept und keine Symbolpolitik. Und über allem steht: Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif. Deshalb müssen wir uns auch die Frage stellen: Was können wir uns leisten? Wir brauchen auch in 30 Jahren noch eine starke Industrie, die hier am Standort Deutschland produziert. Dass man sich für die Lösungen Zeit nimmt, ist richtig. Ebenso richtig und gut ist, dass wir uns dem Klimawandel jetzt stellen. Wir brauchen mehr Ratio, weniger populistischen Hype.

 

Das Interview erschien am 10. August 2019 in der Neuen Osnabrücker Zeitung