Mode fürs Gewissen

03.06.2015 Aktuelles PM

Das Textilbündnis ist eine Chance, weltweit Arbeits- und Sozialstandards zu heben, meint Ingeborg Neumann in ihrem Gastkommentar für das Handelsblatt vom 3. Juni 2015.

 

Es ist unübersehbar: Der Markt für nachhaltige Kleidung wächst. In Berlin, München, Stuttgart oder Köln gibt es dutzende solcher Shops. Und auch in vielen anderen Läden wird Mode mit sozialen und ökologischen Standards verkauft. Allerdings kaufen die meisten Kunden Kleidung nach einem einfachen Dreiklang: gefällt – passt – bezahlbar. Nachhaltigkeit rangiert bei den Meisten als Kaufgrund weit hinten – noch.

Die meisten deutschen Unternehmen der Bekleidungsindustrie engagieren sich schon lange für Nachhaltigkeit. Die mittelständische Branche lässt heute einen Großteil ihrer Produkte in Europa, Asien oder Nordafrika fertigen. Deutsche Unternehmen schaffen Arbeitsplätze vor Ort, zum Teil in eigenen Fabriken mit international anerkannten Arbeitsbedingungen. Sie bieten qualifizierte Arbeit für Einheimische, garantieren Lohn und Brot und tragen positiv zur wirtschaftlichen Entwicklung ganzer Staaten und ihrer Bürger bei.

Richtig ist aber auch: An den komplexen Lieferketten von Bekleidung sind viele Unternehmen aus aller Welt beteiligt: etwa 140 zum Beispiel für ein ganz normales Herrenhemd. Von welchem Feld die Baumwolle kommt, wo sie gesponnen und gewebt wird, kann ein deutscher mittelständischer Unternehmer heute kaum erfahren. Internationale Lieferketten sind nicht ordentlich aufgereiht wie Perlenketten, sondern eher wie ein Teller Spaghetti: komplex und flexibel.

Hinzu kommt: In vielen Produktionsstaaten gibt es keine entwickelte Demokratie. Es fehlen rechtsstaatliche Prinzipien. Korruption ist weit verbreitet. Gewerkschaften sind oft verboten. Hier sind die lokalen Staaten in der Pflicht, die Rahmenbedingungen nachhaltig zu verändern. Auch die Bundesregierung kann und muss dies mit diplomatischen Mitteln und gezielter Entwicklungshilfe fördern.

Mit dem von Minister Müller ins Leben gerufenen „Bündnis für nachhaltige Textilien“ haben wir jetzt die große Chance, gemeinschaftlich auf internationaler Ebene an der Verbesserung der Arbeitssituationen in den Produktionsländern zu arbeiten: Bundesregierung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft tragen gemeinsam Verantwortung für die Verbesserung der Situation. Deswegen treten die Spitzenverbände der Textilwirtschaft und eine Reihe von Unternehmen dem Bündnis bei.

Eine konsequent internationale Ausrichtung des Bündnisses muss verhindern, dass deutsche Unternehmen im harten weltweiten Wettbewerb benachteiligt werden. Eine „Mittelstandsklausel“ holt jedes Unternehmen dort ab, wo es jetzt steht. Denn es ist ja offensichtlich, dass Großkonzerne mehr leisten können als kleine mittelständische Betriebe. Dabei dürfen Unternehmen auch wirtschaftlich nicht überfordert werden, denn nur mit ihnen können bessere Produktionsbedingungen weltweit erreicht werden.

Wir haben im Bündnis für nachhaltige Textilien noch einen langen Weg vor uns. Eine Mitarbeit wird Zeit und Geld kosten. Aber die noch offenen Fragen sollten uns nicht abschrecken: Nachhaltige Mode ist kein Widerspruch, sondern eine realisierbare Herausforderung. Wir wollen und müssen besser werden. Und dies ist ein Prozess, der wahrscheinlich nie an ein Ende kommen wird.