Aus den Medien

10.09.2014 PM

Adidas entsetzt über indirekten Boykottaufruf von Minister Müller

 

Es ist ein wohl einzigartiger Vorgang. CSU-Entwicklungsminister Müller ruft in einer Rede indirekt zum Boykott von Shell und Adidas auf - wegen vermeintlich schwacher ökologischer und sozialer Standards. Adidas ist entsetzt, fordert den Minister zum Widerruf seiner Aussage auf.

Es ist ein wohl einzigartiger Vorgang. CSU-Entwicklungsminister Müller ruft in einer Rede indirekt zum Boykott von Shell und Adidas auf - wegen vermeintlich schwacher ökologischer und sozialer Standards. Adidas ist entsetzt, fordert den Minister zum Widerruf seiner Aussage auf.

Hamburg/Berlin - "Wenn Sie in das Nigerdelta gehen und dort den Standard der Ölförderung sehen, würde keiner von Ihnen an der Tankstelle der Ölfirma, die dort fördert, tanken", zitiert die "FAZ" Entwicklungsminister (CSU) Gerd Müller am Dienstag. Dort werde auf Kosten der Natur für unseren Wohlstand gewirtschaftet. "Das ist inakzeptabel", warb Müller während einer Diskussionsveranstaltung der Berliner Industrie- und Handelskammer am Dienstagabend für ökologische und soziale Mindeststandards.

Namen nannte der Minister laut "FAZ" nicht. Allerdings ist Shell bekanntermaßen der am weitaus wichtigste internationale Öl-Konzern in dem Delta, dessen Bevölkerung seit Jahren unter den Folgen der Ölförderung und des grassierenden Öldiebstahls leidet. Wasser und Tiere sind mit Öl und Chemikalien kontaminiert. Im vergangenen Jahr verurteilte ein Gericht in Den Haag eine Konzerntochter von Shell zu Schadenerstz an Bewohner des Deltas, deren Land durch Pipeline-Lecks mit Öl verseucht wurde.

Auch die globale Textilindustrie und der Sportartikelhersteller Adidas bekamen ihr Fett weg. Das neue Weltmeistertrikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit seinen vier Sternen koste 84 Euro. "Davon bekommt die Näherin in Bangladesch 15 Cent", monierte der Mínister weiter.

"16 Stunden-Tage, 5 Cent die Stunde, sechs Tage Arbeit für die Frauen - es kommt hinten ein Lohn heraus, der nicht zum Leben reicht, geschweige denn für die Familie", beschrieb Müller die Ausbeutung von Arbeitern in Asien und Afrika durch westliche Konzerne. Arbeitsschutz sei nichtexistent, bei Schwangerschaft folge die sofortige Kündigung. "Diese Trikots, diese Anzüge, diese Hemden, wollen Sie die tragen?"

Das Ministerium versuchte am Mittwoch, die Wogen zu glätten. "Der Minister hat nicht zum Boykott aufgerufen", sagte eine Sprecherin, zog die in dem Bericht genannten Zitate aber nicht in Zweifel. Müller habe lediglich auf eine "entwicklungspolitisch schwierige Situation hingewiesen". Das Ministerium sei vielmehr voller Anerkennung, mit wieviel Engagement und Einsatz die Wirtschaft - auch und vor allem Adidas - an Sozialmindeststandards mitarbeiteten, ergänzte eine weitere Sprecherin.

Die betroffenen Konzerne zeigten sich indes wenig erfreut über Müllers Äußerungen, insbesondere Adidas. "Wir sind äußerst verwundert über die in der FAZ veröffentlichten Aussagen von Herrn Minister Müller und weisen seine faktisch falschen Vorwürfe mit Entschiedenheit zurück", erklärte eine Sprecherin auf Anfrage von manager magazin online.

Der Minister habe sich vor seinen Aussagen offensichtlich nicht ausreichend über die Beschaffungsaktivitäten von Adidas inofrmiert. "Wir beziehen die deutschen Nationaltrikots aus China, nicht aus Bangladesch." Die Liste aller WM-Zulieferer hätte Mülller indes bereits 2013 auf der Website des Konzerns studieren können. Bangladesch tauche darauf genauso wenig auf wie die von dem Minister erwähnten afrikanischen Länder, betont die Sprecherin weiter.

Unabhängige Organisationen wie etwa der Dow Jones Sustainability Index zeichneten Adidas seit Jahren als führendes Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen in der Beschaffungskette aus. In China wiederum sei Adidas von einer Greenpeace-Partner als eines der vier umweltfreundlichsten Unternehmen ausgezeichnet worden.

Man lade den Minister gern zu einem aufklärenden Gespräch nach Herzogenaurach ein, sagte die Sprecherin, machte aber unmissverständlich klar: "Gleichzeitig fordern wir ihn auf, Abstand von diesen faktisch falschen Vorwürfen zu nehmen."

Shell gibt sich etwas moderater

Shell reagierte etwas moderater auf die Vorwürfe des Ministers. Der Konzern sei extrem um Transparenz bemüht und reinige alle Austritte aus den eigenen Anlagen, teilte Shelll auf Anfrage mit.

Ein großes Problem im Nigerdelta seien Sabotage und kriminelle Handlungen. "In den letzten fünf Jahren gingen circa 30 Prozent der Austritte auf Verschulden von Shell zurück - Korrosion, technische Mängel oder menschliches Versagen. Dies bedauern wir und arbeiten daran, dies zu verbessern", hieß es. " Wir sind uns bewusst, dass jeder Austritt ein Austritt zu viel ist."

Mit seinem unternehmenskritischen Äußerungen steht CSU-Mann Müller in krassen Gegensatz zu seinem mittlerweile zum Rüstungskonzern Rheinmetall gewechselten Vorgänger Dirk Niebel (FDP). Dieser hatte sich auf die Fahnen geschrieben, die Wirtschaft in die deutsche Entwicklungspolitik stärker einzubinden.

Müller sieht seinen Ansatz hingegen deutlich breiter - "in den Überlebensfragen der Menschheit", wie er kürzlich in einem Interview mit Zeit online formulierte. Deutschland stehe "als reichste Industrienation" und jeder Einzelner in der Pflicht, einen Beitrag gegen die Armut zu leisten, erklärte er.

 

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